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Die Jugendherberge moun10 in Garmisch-Partenkirchen stellt als erste in Bayern komplett auf vegetarische Verpflegung um – ein Signal mit messbarem Klimaeffekt.

Microsoft Katja (Neural, deutsch)
Nachhaltigkeit ist in der Energiewende-Debatte meist eine Frage von Kilowattstunden, Dämmung oder Ladeinfrastruktur. Dass Klimabilanz aber auch auf dem Frühstücksteller entschieden wird, zeigt ein ungewöhnlicher Vorstoß aus den bayerischen Alpen: Die Jugendherberge moun10 in Garmisch-Partenkirchen hat ihr Verpflegungskonzept komplett auf vegetarische Produkte umgestellt. Damit ist das Haus die erste Jugendherberge im Landesverband Bayern des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH), die vollständig auf Fleisch verzichtet – und einer der bundesweiten Vorreiter in diesem Segment.
Das Angebot des moun10 beschränkt sich auf ein Frühstücksbuffet; Mittag- oder Abendessen werden im Haus nicht serviert. Alle dort angebotenen Speisen sind ab sofort rein vegetarisch. Statt Aufschnitt und Wurstwaren setzen die Köche auf Aufstriche, Gemüsesnacks und Dips nach eigenen Rezepturen, die sie in einem mehrmonatigen Prozess entwickelt und mit Gästegruppen getestet haben.
Der Bezug zur Energie- und Klimadebatte ist weniger abwegig, als er auf den ersten Blick wirkt. Die Ernährung gehört – neben Mobilität, Heizen und Stromverbrauch – zu den vier großen Stellhebeln für den privaten CO₂-Fußabdruck. Das Umweltbundesamt rechnet in Deutschland mit rund 1,7 Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Person und Jahr allein aus Ernährung, bei einem durchschnittlichen Gesamtfußabdruck von etwa elf Tonnen. Ein Großteil dieses Ernährungs-Fußabdrucks stammt aus tierischen Produkten, insbesondere Rind und Milch.
Wer in einer Gemeinschaftsverpflegung auf Fleisch verzichtet, spart deshalb pro Gedeck typischerweise deutlich mehr Emissionen ein als durch ein ausgetauschtes Leuchtmittel oder einen neuen Kühlschrank. Für Häuser mit mehreren Zehntausend Übernachtungen pro Jahr – Jugendherbergen fallen klar in diese Kategorie – summiert sich das schnell auf zweistellige Tonnenzahlen. Im Gesamtbild eines Betriebs mit Gebäudeheizung, Warmwasserbereitung und Mobilitätsanbindung der Gäste ist die Küche damit kein Nebenschauplatz, sondern ein echter Klimahebel.
Das Team um moun10-Leiter Kevin Kirschke ist die Umstellung in mehreren Schritten angegangen. Über mehrere Monate hinweg testete die Küche neue Rezepturen mit verschiedenen Gästegruppen – Schulklassen, Familien, Freizeitgruppen. Nur ein „verschwindend kleiner Teil" der Tester habe Fleisch oder Wurst wirklich vermisst, heißt es aus dem Haus. Die Resonanz sei durchgehend positiv gewesen.
„Unsere Küche hat mit viel Engagement und Leidenschaft an neuen Rezepturen getüftelt", sagt Kirschke. „Wir sind damit als Jugendherbergen mal wieder einen Schritt voraus, wenn es um intakte Umwelt, gesunde Lebensführung und den Blick auf folgende Generationen geht." Die Umstellung versteht das Haus ausdrücklich nicht als Sparmaßnahme, sondern als „kostenloses Upgrade" für die Gäste – gleichpreisig, aber mit anderer Ausrichtung.
Für das DJH in Bayern ist der Vorstoß kein isolierter PR-Schritt, sondern fügt sich in eine seit über zehn Jahren laufende Strategie ein, die sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen orientiert. Neben der Verpflegung adressiert der Landesverband dabei auch Energieversorgung und Bildungsangebote – klassische Hebel, bei denen die Branche der Jugendherbergen seit Jahren ohnehin unter Zugzwang steht, etwa durch steigende Energiepreise und den Modernisierungsbedarf oft älterer Gebäude.
Die rein vegetarische Verpflegung im moun10 soll nach Angaben des Landesverbandes in den nächsten Monaten und Jahren auch als Blaupause für weitere Häuser in Bayern dienen. Eine verbindliche Roadmap für andere Jugendherbergen gibt es bislang nicht, wohl aber den erklärten Willen, Anregungen aus Garmisch in das Netzwerk hineinzutragen. Der Landesverband betreibt oder unterstützt aktuell 46 Jugendherbergen in Bayern, davon 34 in Eigenregie.
Dass ein touristischer Beherbergungsbetrieb komplett auf Fleisch verzichtet, ist in Deutschland noch die Ausnahme. In der Gastronomie insgesamt wächst der Anteil vegetarischer und veganer Angebote seit Jahren, allerdings meist als Erweiterung der Karte, nicht als Ersatz. Der Schritt des moun10 geht weiter – und macht den Ansatz damit zu einem Testfall, an dem sich andere Häuser orientieren können. Für Einrichtungen mit klarer Zielgruppenverantwortung – Kinder, Jugendliche, Schulklassen – ist die Frage, wie ein nachhaltiges Verpflegungskonzept praktisch funktioniert, längst keine bloße Geschmacksfrage mehr, sondern auch eine pädagogische.
Aus Sicht der Energie- und Nachhaltigkeitsdebatte liefert Garmisch dabei einen interessanten Nebenaspekt: Wenn ein Haus mit tausenden Übernachtungen pro Jahr belegen kann, dass die Umstellung weder wirtschaftlich noch in der Gästeakzeptanz zum Problem wird, verliert ein häufiges Gegenargument an Gewicht. „Niemand wird bei uns das Gefühl haben, dass etwas fehlt – im Gegenteil", sagt Kirschke. Am Ende, glaubt er, werde sich eher die Frage stellen, „warum wir das nicht schon früher gemacht haben".