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Earth Day 2026: Wie KI Nachhaltigkeit vom Bericht zur operativen Steuerung führt

Nachhaltigkeit endet zu oft im Jahresbericht. Nagarro fordert zum Earth Day eine Verschiebung in Richtung operativer Steuerung – mit KI als Hebel für Lieferketten und Scope-3-Emissionen.

Earth Day 2026: Wie KI Nachhaltigkeit vom Bericht zur operativen Steuerung führt
Timo Brandt
5 Min. Lesezeit
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Microsoft Katja (Neural, deutsch)

Nachhaltigkeit ist in vielen Unternehmen ein jährliches Ritual: Daten zusammenstellen, Bericht erstellen, einreichen. Mit dem Earth Day rückt die Frage in den Vordergrund, ob dieses Reporting-Modell der wachsenden Komplexität noch gerecht wird. Das IT-Beratungsunternehmen Nagarro plädiert für einen Wechsel von der reinen Berichterstattung hin zur operativen Steuerung – und sieht künstliche Intelligenz als Hebel, der Nachhaltigkeit erstmals in Echtzeit messbar und entscheidungsrelevant macht. Für die Energiewirtschaft mit ihren stark verteilten Wertschöpfungsketten ist das mehr als eine Strategiefloskel.

Vom Jahresbericht zur Echtzeit-Steuerung

„Die Frage ist nicht mehr, ob Unternehmen nachhaltig handeln wollen. Die entscheidende Frage ist, ob sie Nachhaltigkeit in ihre operativen Entscheidungen integrieren können, genauso selbstverständlich wie bei finanziellen Kennzahlen", sagt Stefan Bär, CTO bei Nagarro. Der Punkt trifft eine reale Lücke: Während Finanzkennzahlen in Konzernen taggenau aus integrierten ERP-Systemen kommen, basieren Emissionsdaten oft auf manuellen Excel-Listen, jährlich aktualisiert und mit Wochen Verzögerung. KI-Systeme, die kontinuierlich Energie-, Beschaffungs- und Produktionsdaten konsolidieren, schließen genau diese Lücke und machen Nachhaltigkeit anschlussfähig an die operative Steuerung.

Scope 3 als blinder Fleck der Lieferkette

Den größten Hebel sieht Bär in der Lieferkette. Scope-3-Emissionen, also indirekte Emissionen entlang von Vorprodukten, Logistik und Nutzungsphase, übersteigen die direkten Emissionen eines Unternehmens im Schnitt um das Elffache. Gleichzeitig sind sie der am schlechtesten dokumentierte Teil der Bilanz und werden häufig nur über Branchendurchschnittswerte geschätzt. KI-Modelle können hier ansetzen, indem sie Lieferantendaten, Produktstammdaten und Logistikinformationen automatisch zusammenführen, plausibilisieren und kontinuierlich aktualisieren. Aus einem statischen Schätzwert wird so ein dynamischer Indikator, der in Beschaffungsentscheidungen einfließt.

Bedeutung für Solar- und Energieunternehmen

Für die Solar- und Energiebranche ist die Argumentation unmittelbar anwendbar. Modulhersteller, EPC-Dienstleister und Komponentenlieferanten arbeiten mit Lieferketten, deren CO2-Profil je nach Herkunft der Vorprodukte stark variiert. Eine in Echtzeit gepflegte Scope-3-Bilanz lässt sich in Ausschreibungen, Investorenkommunikation und Bankability-Prüfungen einsetzen – und kann gegenüber öffentlichen Auftraggebern zum Differenzierungsmerkmal werden. Auf Betreiberseite hilft eine integrierte Datensicht dabei, Anlagenleistung, Speicherzustände und CO2-Verdrängung gegen Marktpreise und Eigenverbrauchsmuster zu optimieren, statt sie isoliert zu betrachten.

Sustainability in IT versus Sustainability by IT

Bär unterscheidet zwei Wirkungspfade. „Sustainability in IT" zielt auf die Effizienz der eigenen IT-Systeme – Rechenzentren, Cloud-Architekturen, Energieverbrauch der Modelle selbst. „Sustainability by IT" bezeichnet den Einsatz von Technologie, um Emissionen in anderen Bereichen zu reduzieren, etwa durch optimierte Routenplanung, vorausschauende Wartung oder lastflexible Produktion. „Künstliche Intelligenz ist kein Selbstzweck. Sie entfaltet ihren Wert dort, wo sie reale Prozesse effizienter und nachhaltiger macht", betont Bär. Für die Praxis bedeutet das, beide Pfade zu trennen und nicht zu verwechseln: Der Stromverbrauch eines KI-Systems kann erheblich sein – er muss durch die ausgelöste Einsparung im Geschäftsprozess gerechtfertigt werden.

Markt für KI in Lieferketten wächst zweistellig

Der Markt für KI-Anwendungen in Lieferketten wird laut aktuellen Analysen bis 2030 auf über 70 Milliarden US-Dollar anwachsen. Frühanwender berichten von zweistelligen Effizienzgewinnen und messbaren Emissionsreduktionen. Gleichzeitig stockt die Skalierung: Viele Initiativen verharren in der Pilotphase, mehr als die Hälfte der Unternehmen nutzt KI bislang nicht systematisch für Nachhaltigkeitsziele. Häufige Hindernisse sind unzureichende Datenqualität, fehlende organisatorische Verankerung der Nachhaltigkeitsabteilung in Produkt- und Beschaffungsprozessen sowie die Sorge, regulatorisch belastbare Modelle für die EU-Berichtsstandards CSRD und ESRS zu entwickeln.

Fazit/Ausblick

Der Wechsel vom Reporting zur Steuerung ist keine technische Frage allein. Er verlangt belastbare Datenflüsse, klare Governance und ein Verständnis dafür, wo KI tatsächlich Wirkung entfaltet und wo sie Ressourcen bindet, ohne Mehrwert zu schaffen. Für Energie- und Solarunternehmen, deren Geschäftsmodell ohnehin auf Datenströmen aus Anlagen, Märkten und Lieferketten beruht, ist die Schwelle vergleichsweise niedrig: Sie verfügen bereits über die Sensorik und die Marktanbindung, die viele andere Branchen erst aufbauen müssen. Wer diesen Vorsprung in echte Nachhaltigkeitssteuerung übersetzt, erfüllt nicht nur regulatorische Pflichten, sondern verschafft sich operative Vorteile in einem zunehmend datengetriebenen Markt.