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VREY sichert sich 3,3 Mio. Euro Seed für Solarstrom im Mehrfamilienhaus

Das Berliner Start-up VREY erhält 3,3 Millionen Euro Seed-Finanzierung. Mit gemeinschaftlicher Gebäudeversorgung und einer eigenen Plattform will VREY Solarstrom im Mehrfamilienhaus skalierbar machen.

VREY sichert sich 3,3 Mio. Euro Seed für Solarstrom im Mehrfamilienhaus
Jonas Brecht
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Microsoft Katja (Neural, deutsch)

Das Berliner Climate-Tech-Start-up VREY hat eine Seed-Finanzierungsrunde über 3,3 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von Rubio Impact Ventures, mit an Bord sind der High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Kopa Ventures. Das 2024 von Cedric Jaeger und Julius Pahmeier gegründete Unternehmen will Photovoltaik im Mehrfamilienhaus skalierbar machen – einem Segment, das in Deutschland bislang als regulatorisch gewünscht, aber operativ kaum umsetzbar galt. Mit der Finanzierung soll das rund 20-köpfige Team ausgebaut und die Plattform weiterentwickelt werden.

Über 20 Millionen Wohneinheiten als bislang verschlossener Markt

Solar auf dem Einfamilienhaus ist Standard, im Mehrfamilienhaus blieb es ein Nischenthema. Verantwortlich dafür waren komplexe Mieterstrommodelle, in denen der Vermieter die Rolle des Energievollversorgers übernehmen musste, dazu teure Messtechnik und aufwändige Abrechnungsprozesse pro Wohneinheit. Mit der Einführung der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung (GGV) entfällt ein zentraler Stolperstein: Eigentümer können Solarstrom direkt vor Ort an die Bewohner liefern, ohne als Energieversorger im klassischen Sinne aufzutreten. Damit öffnet sich rechnerisch ein Markt von über 20 Millionen Wohneinheiten, der wirtschaftlich bisher kaum erschließbar war.

EnergyOS für das Mehrfamilienhaus

VREY tritt als zertifizierter Messstellenbetreiber und Abrechnungspartner auf und kombiniert Smart-Meter-Infrastruktur mit einer automatisierten Abrechnungssoftware. Daraus entsteht eine Plattform, die das Unternehmen selbst als „EnergyOS" für das Mehrfamilienhaus beschreibt: zentrale Messung, automatisierte Bilanzierung der Energieflüsse zwischen PV-Anlage, Wohneinheiten und Allgemeinstrom sowie Abrechnung gegenüber den Mietenden. Die Installation der eigentlichen Solaranlage übernehmen frei wählbare lokale Fachbetriebe – VREY liefert die regulatorische und kaufmännische Schicht, auf der das Modell betrieben wird.

Konkrete Wirtschaftlichkeit: Beispielrechnung 30 kWp auf zehn Wohneinheiten

Die wirtschaftliche Logik wird im Beispiel sichtbar. Eine 30-kWp-Anlage auf einem Zehn-Parteien-Haus erzielt nach Angaben des Unternehmens rund 5.500 Euro zusätzliche Einnahmen pro Jahr für den Eigentümer. Gleichzeitig zahlen die Mieter bis zu 20 Prozent weniger für Strom – eine jährliche Ersparnis von etwa 120 bis 250 Euro pro Haushalt. Hinzu kommt ein für viele Haushalte ebenso wichtiges Argument: Die Strompreise werden besser planbar, weil ein wachsender Teil aus lokal erzeugter Solarenergie stammt und damit weniger anfällig für volatile Beschaffungspreise ist.

Sektorkopplung im Bestand: Speicher, Wärmepumpe, Wallbox

Das Modell ist nicht auf reine Stromlieferung beschränkt. Die Plattform ist so ausgelegt, dass Speicher, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur für E-Autos integriert werden können. Damit adressiert VREY zwei Trends gleichzeitig: die Elektrifizierung der Wärme im Bestand und den steigenden Bedarf an Lademöglichkeiten am Wohnort. Für Wohnungsunternehmen, Genossenschaften und große Bestandshalter wird so aus einer reinen PV-Investition ein integriertes Energiekonzept, das den Sanierungsfahrplan eines Gebäudes nach und nach mit erneuerbaren Quellen ausstattet.

Investoren sehen klaren Marktbedarf

„Mietwohngebäude galten lange als eines der Segmente, in denen Solar praktisch nicht umsetzbar war. VREY hat hierfür eine schnell skalierbare Lösung entwickelt, von der alle profitieren", sagt Helmer Schukken, Partner bei Rubio Impact Ventures. Auch der HTGF sieht eine strategische Lücke geschlossen: „Solar im Mehrfamilienhaus gehört heute auf die Roadmap jedes Bestandshalters", betont Investment Manager Jan Kätker. Marius Weckel, Principal bei Kopa Ventures, ordnet die GGV als „wichtigen regulatorischen Durchbruch in Deutschland" ein, der ein Marktumfeld schafft, das Expertise und schnelle Umsetzung verlangt.

Fazit/Ausblick

Die GGV verändert die Spielregeln für PV im Mehrfamilienhaus. Sie senkt die regulatorische Eintrittsschwelle so deutlich, dass aus einer bislang theoretischen Marktchance ein operativ umsetzbares Geschäftsmodell wird. Plattformen wie VREY, die Messstellenbetrieb und Abrechnung zusammenführen, dürften die Geschwindigkeit bestimmen, mit der das Segment erschlossen wird. Für Wohnungsunternehmen heißt das: Solar im Bestand wird vom regulatorischen Risiko zum bilanziellen Hebel – und für Mieter zur Aussicht auf spürbar günstigere und besser planbare Stromkosten.