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In Varel kombiniert ein neuer 38,8-MWp-Solarpark Moor-PV, Agri-PV und Freiflächenanlage. Realisiert in nur zwölf Monaten – vom Baustart bis zum Netzanschluss.

Microsoft Katja (Neural, deutsch)
Im niedersächsischen Varel ist ein Photovoltaik-Projekt ans Netz gegangen, das in seiner Bauart bundesweit bislang einzigartig ist: Auf rund 40 Hektar kombiniert der neue Solarpark Moor-Photovoltaik, Agri-Photovoltaik und klassische Freiflächenanlage auf einer zusammenhängenden Fläche. Mit einer installierten Leistung von 38,8 Megawatt-Peak soll die Anlage jährlich rund 40 Millionen Kilowattstunden erzeugen – rechnerisch genug, um mehr als 9.000 Haushalte mit Strom zu versorgen. Entwickelt und realisiert wurde das Gemeinschaftsprojekt von der WI Energy GmbH, der emt²gruppe sowie den Landwirten Andreas Rengstorf und Lars Kaper.
Bemerkenswert ist das Tempo: Vom Baubeginn bis zum Netzanschluss im Dezember 2025 vergingen nur zwölf Monate – mehr als ein halbes Jahr schneller, als ursprünglich für das dritte Quartal 2026 eingeplant war. Möglich wurde das durch parallelisierte Bauabläufe, bei denen die Modulmontage und der Aufbau der Kabeltrasse zeitgleich liefen.
Der Standort am Tangermoorweg ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Ein Großteil der Fläche liegt auf ehemals entwässertem Moorboden – in Deutschland zählen solche Flächen zu den größten Einzelquellen von Treibhausgasen. Entwässerte Moore setzen kontinuierlich CO₂ und Lachgas frei, weil die organische Substanz unter Sauerstoffzufuhr zersetzt wird. Durch die gezielte Wiedervernässung dieser Teilflächen im Zuge des PV-Ausbaus entsteht ein doppelter Klimaeffekt: Die Emissionen aus dem Moor werden reduziert, und gleichzeitig wird CO₂-freier Strom erzeugt.
Auf einer rund einen Hektar großen Teilfläche kommt zusätzlich Agri-Photovoltaik mit Rinderhaltung zum Einsatz. Die Module stehen an der niedrigsten Stelle auf 2,10 Metern Höhe – hoch genug, dass nicht nur Schafe, sondern auch Rinder unter den Tischen weiden können. Die Fläche lässt sich ganzflächig landwirtschaftlich bewirtschaften, Energieerzeugung und Tierhaltung laufen parallel. Für die Landwirte ist das ein wirtschaftlich wie fachlich interessanter Praxistest, weil Agri-PV mit Großvieh bundesweit bislang selten umgesetzt ist.
Die technische Umsetzung stellte das Projektteam vor mehrere außergewöhnliche Herausforderungen. Der Moorboden am Standort weist einen pH-Wert von etwa 4,2 auf – deutlich saurer als bei üblichen Freiflächen-Standorten. Um Korrosion an den Tragstrukturen zu vermeiden, waren Spezialbeschichtungen notwendig. Die Gründungen mussten zudem bis zu 4,5 Meter tief reichen, um in den weichen Böden ausreichend Halt zu finden.
Auch die Logistik war anspruchsvoll: Achtzehn Trafostationen mit einem Gewicht von bis zu 25 Tonnen mussten auf das Gelände gebracht werden – teilweise per Traktor, weil der Untergrund herkömmliche Schwerlasttransporte nicht überall trug. Der als Generalunternehmer verantwortlichen emt²gruppe gelang es dennoch, den Zeitplan deutlich zu unterbieten.
Einen weiteren Effizienzgewinn bringt die Modulwahl: Zum Einsatz kommen bifaziale Module, die sowohl direkte Sonneneinstrahlung als auch reflektiertes Licht verarbeiten. Gerade die nasse Mooroberfläche wirkt hier wie ein Reflektor – ein Standortnachteil wird so technisch in einen Mehrertrag übersetzt.
Finanziert wurde der Solarpark nach dem Sharing-Economy-Modell der WI Energy GmbH. Bürgerinnen und Bürger sowie Landwirte aus der Region konnten sich in einer frühen Projektphase vorrangig beteiligen – über Realeigentum, Direktbeteiligungen oder Crowdfunding. Eine eigens gegründete Bürgerenergiegenossenschaft, in der sich unter anderem die Volksbank und die Stadt Varel engagieren, ermöglicht die Beteiligung auch mit kleineren Beträgen. Ein Smart-Metering-System erfasst die Stromproduktion jeder Einheit in Echtzeit und stellt die Erträge transparent dar.
Die Stromvergütung ist über das EEG-Ausschreibungsverfahren für 20 Jahre gesichert. Ein zusätzlicher Schutzmechanismus des Direktvermarkters federt Phasen mit negativen Strompreisen ab – ein zunehmend wichtiger Faktor, seit sich solche Stunden im deutschen Strommarkt häufen. Pachtverträge mit einer Laufzeit von 30 Jahren sichern die langfristige Flächennutzung.
Die eigentliche Besonderheit des Projekts liegt jedoch weniger in der Technik als in der Konstellation der Beteiligten. Die Landwirte Rengstorf und Kaper haben nicht nur eigene Flächen eingebracht, sondern in der Nachbarschaft weitere Grundeigentümer angesprochen und so die zusammenhängende Flächenkulisse erst ermöglicht. Ohne diese Ortskenntnis wäre eine solche Flächenarrondierung kaum realisierbar gewesen.
„Von Beginn an wurde das Projekt gemeinsam entwickelt und hat vom engen Austausch aller Beteiligten profitiert", erklärt Andreas Rengstorf. Auch Stefan Völlink, Geschäftsführer der emt²gruppe, betont den partnerschaftlichen Ansatz: „Trotz aller Herausforderungen hat dieses Gemeinschaftsprojekt Großes für Natur und Mensch geschaffen."
Für WI Energy bestätigt der Solarpark in Varel das eigene Geschäftsmodell. „Klimaschutz, wirtschaftliche Wertschöpfung und regionale Identität schließen sich nicht aus – sie verstärken sich gegenseitig", sagt Geschäftsführer Michael Reichert. Damit Projekte dieser Größenordnung tatsächlich Akzeptanz in der Fläche finden, brauche es genau diese Verschränkung aus lokaler Einbindung, klarer Finanzierungslogik und technischer Sorgfalt.
Die erwartete CO₂-Einsparung beziffern die Betreiber auf rund 23.333 Tonnen pro Jahr – ohne Einrechnung der vermiedenen Emissionen aus dem wiedervernässten Moorboden, die den Klimaeffekt in der Realität noch einmal spürbar erhöhen dürften. Damit reiht sich der Vareler Solarpark in eine wachsende Gruppe von Projekten ein, die zeigen, wie sich schwierige Flächen – Moor, Grenzertragsstandorte, landwirtschaftliche Nutzflächen – in Kombination mit Photovoltaik neu denken lassen.
Für die deutsche Solarbranche liefert Varel damit gleich mehrere Argumente: Moor-PV in Kombination mit Wiedervernässung kann klimapolitisch doppelt rechnen. Agri-PV mit Großvieh lässt sich technisch sauber umsetzen. Und Projekte in dieser Größenordnung sind auch unter komplexen Standortbedingungen in zwölf Monaten machbar, wenn Planung, Bau und Netzanschluss parallel organisiert werden – ein Zeitplan, von dem andere Vorhaben in Deutschland nicht selten nur träumen.